Donnerstag, 12. Januar 2017

Rezension zu "Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt" von Nicola Yoon

Wenn die Welt draußen für dich zu gefährlich ist...

 

Zum Inhalt:
Madeline ist 18 Jahre alt, hat mehr Bücher gelesen als jeder andere Mensch auf dieser Welt - und hat noch nie in ihrem Leben das Haus verlassen. Grund dafür ist ein seltener Gendeffekt, der bei ihr im Kleinkindalter diagnostiziert wurde. Madeline ist gegen alles mögliche allergisch, wogegen genau kann allerdings niemand feststellen, weswegen die Außenwelt für sie vollkommen tabu ist. Durch eine Schleuse wird alle Luft im Haus, das sie mit ihrer Mutter bewohnt, gefiltert und kein Fremder darf das Haus betreten, wenn nicht einwandfrei festgestellt werden kann, das derjenige keine für Madeline lebensbedrohlichen Bakterien in sich trägt. Und so verbringt Madeline die Tage mit ihrer Mutter, spielt mit ihr phonetisches Scrabble und Ehrenwort-Pictionary und ist glücklich. Bis eines Tages Olly und seine Familie ins Haus nebenan einziehen und zarte Bande der Freundschaft zwischen ihm und Madeline entstehen. Denn erst da beginnt Madeline zu begreifen, dass es ihr nicht genügt, einfach nur am Leben zu sein...

Meine Meinung:
Lang lang ist es her, dass ich eine Rezension geschrieben habe. Nun möchte ich das allerdings in diesem Jahr ändern und endlich mal wieder ein paar Bewertungen zu Büchern schreiben, die ich dieses Jahr gelesen habe. Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt von Nicola Yoon soll hierbei den Anfang bilden. Es ist der Debütroman der Autorin und aus der Perspektive von Madeline geschrieben, die zu Beginn des Romans ihren 18. Geburtstag feiert. 
Die Ich-Perspektive, die hier verwendet wird, um Madelines Gedanken und Gefühle festzuhalten, gefällt mir sehr gut. Als gesunder Mensch finde ich es eigentlich relativ schwierig, mich in die Lage von jemandem zu versetzen, der das Haus nicht verlassen darf, aber die Darstellungsart von Madelines Tun und Handeln half mir sehr, nachzuvollziehen wie sie sich fühlt. Der Umgang mit ihrer Krankheit wirkt sehr authentisch und ermöglicht dem Leser einen Einblick in die Welt des seltsamen Gendeffekts, den Madeline hat. Allgemein hat mir der Schreibstil sehr gut gefallen. Man denkt wirklich, dass vor einem selbst ein 18-jähriges Mädchen sitzt und ihre Geschichte erzählt und kann sich sehr gut in seinen Worten wiederfinden. Auch wenn ich mir einrede, dass ich mit 18 (was ja jetzt auch schon fast 3 Jahre bei mir zurückliegt), doch ein wenig erwachsener geredet habe, muss man bedenken, dass Madeline ihr ganzes Leben nur im Haus verbracht und als einzige Bezugspersonen ihre Mutter und ihre Krankenschwester Carla hatte. Somit hat sie nicht sonderlich viel soziale Kontakte, schon gar nicht mit gleichaltrigen. Die Kapitel sind größtenteils sehr kurz gehalten und man kann mehrere direkt an einem Stück lesen, ohne mittendrin eine Pause machen zu müssen. Außerdem enthält der Roman einige Zeichnungen, die (soweit ich weiß) vom Ehemann der Autorin angefertigt wurden, die auch sehr süß ins Buch eingearbeitet worden sind und zu der jeweiligen Situation passen. Auch der Humor hat mir sehr zugesagt. Obwohl es um ein sehr ernstes Thema geht, gibt es doch Stellen, die mir ein Schmunzeln oder auch ein herzhaftes Lachen entlockten, was ich sehr schön fand. So wird dem Leser bewusst gemacht, dass es, obwohl Madeline sehr krank ist, trotzdem noch etwas zu lachen für sie gibt.

Auch Madeline als Charakter hat mir sehr gefallen. Sie ist im Grunde die facettenreichste Person im gesamten Roman, was aber unter anderem auch einfach daran liegt, dass man sie am besten kennen lernt. Dies merkt man vor allem an ihrem Erzählstil. Wenn sie von Olly spricht, ist sie unglaublich romantisch, fast schon poetisch und lässt sich mit vielen Worten über ihn aus, so dass man sich als relativ unromantisch veranlagter Mensch - wie ich nun mal einer bin - doch zwischenzeitlich ein wenig erschlagen fühlt. Trotzdem fand ich ihre Wortwahl wunderschön und es hat einfach super gut zu ihr gepasst. Auch wie Olly mit Madeline umgeht fand ich unglaublich schön und auch sehr reif für einen Jungen in seinem Alter. Generell, dass er sich so sehr um Madeline sorgt und Angst hat, dass sie nach draußen geht und ihr etwas zustößt, ist unglaublich süß. Allgemein die Beziehung zwischen den beiden ist unglaublich schön gestaltet und fügt sich sehr harmonisch in das Gesamtkonzept des Buches ein. Es geht nicht übereilt daher, meiner Meinung nach, sondern in einem angemessenen Tempo, das den Leser trotzdem mitfiebern lässt, was nun aus den beiden wird. Auch wenn Carla und Madelines Mutter keine sonderlich großen Auftritte haben, ebenso wie Ollys Mutter, sein Vater und seine Schwester, erfährt man doch eine Menge über sie, vor allem durch Madelines Beobachtungen. So kann man sich, obwohl man diese Nebenpersonen nicht ganz so gut kennenlernt wie Maddy und Olly, ein Urteil über sie bilden und auch ein wenig mehr über ihren Charakter sagen, auch wenn das Hauptaugenmerk klar auf der Geschichte von Olly und Maddy liegt.

Auch gegen den Handlungsverlauf kann ich nichts großartiges sagen. Er hat mir sehr gut gefallen, man konnte ihm als Leser flüssig folgen und es waren keine komischen Sprünge oder abgehackte Handlungen zu finden. Die Geschichte baut sich langsam auf und legt erst das Hauptaugenmerk ein wenig mehr auf Madelines Krankheit. Schade fand ich hier nur, dass man keine wirklichen Informationen über ihren Gendeffekt erhält. Maddy sagt zwar, dass sie diesen Gendeffekt hat, rückt diesen aber im weiteren Handlungsverlauf sehr in den Hintergrund, so dass man am Ende eigentlich nur weiß, dass Maddy nicht rausgehen kann, weil sie eben diesen Gendeffekt hat und somit auf alles Mögliche allergisch reagieren könnte. Das war mir persönlich leider doch ein bisschen zu wenig, zumal es sicherlich einige Menschen gibt, die unter so etwas zu leiden haben. Ansonsten hat mir auch die Geschichte mit Olly sehr gut gefallen und Maddys Charakterentwicklung, die sie während des Romans vollzieht. Auch wenn die Geschichte vielleicht in einigen Teilen etwas vorhersehbar war, hatte ich doch das Gefühl, ständig etwas neues im Buch zu entdecken, was unter anderem das Ende betrifft.

Dieses kam für mich, in der Form wie es geschrieben wurde, sehr unerwartet. Die Wendung, die die Autorin eingebaut hat, war für mich absolut nicht vorhersehbar, allerdings auch nicht überzogen oder gestellt. Für mich fügte sich das Ende sehr gut an den Rest des Romans an und blieb sogar ein kleines bisschen offen, was mir auch sehr gut gefallen hat. Es wirkte wie ein runder Abschluss zu einem insgesamt sehr runden Buch.

Fazit:
Für mich erweist sich Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt als ein Roman über die Freiheit und den Unterschied zwischen "leben" und "am Leben sein". Durch den Roman lernt der Leser, seine eigene Freiheit im Handeln sowie seine Gesundheit wertzuschätzen, die ihn nicht darin einschränkt, dass er das Haus nicht verlassen kann. Man wird sich somit seines eigentlichen Glücks bewusst und nimmt seine Freiheiten vielleicht etwas besser wahr. Der Schreibstil hat mir außerordentlich gut gefallen und variiert des Öfteren während der Erzählung. Mal ist er sehr poetisch und dann doch wieder sehr pragmatisch gehalten, was die verschiedenen Facetten von Madeline aufzeigt, die dem Leser die Geschichte erzählt. Doch nicht nur Madeline wird als Charakter von Bedeutung, sondern auch Olly, ebenso wie Carla und Maddys Mutter. Auch wenn man die letzteren beiden nicht ganz so gut kennenlernt, wirken sie doch wie Personen, die nicht nur auf dem Papier, sondern auch im realen Leben existieren könnten. Die Art, wie Madeline uns ihre Geschichte erzählt, ist in sich stimmig und sehr flüssig. Man hat das Gefühl, dass man als Leser praktisch durch das Buch "schwimmt", ohne sich großartig anstrengen zu müssen, weil die Strömung einen selbst antreibt, weiterzumachen. Besonders das Ende fand ich sehr überraschend und hätte es so nicht erwartet. Trotzdem fügt es sich gut in den Rest der Geschichte ein und rundet die Handlung sehr gut ab. Für mich ist Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt nicht nur ein einfaches Jugendbuch, sondern ein All-Age-Roman, der uns unser eigenes Glück, wirklich zu leben aufzeigt. Daher gibt es von mir 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung für alle, die sich mit einem etwas ernsteren Thema auseinandersetzen wollen.

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Weitere Infos zum Buch:
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 17.09.2015
Aktuelle Ausgabe : 17.09.2015
Verlag : Dressler 
Originaltitel: Everything everything
ISBN: 9783791525402
Fester Einband 336 Seiten
Sprache: Deutsch