Mittwoch, 11. Juni 2014

Rezension zu "Sehnsucht nach Mill River" von Darcie Chan

Ein Blick hinter die Fassade

 

Zum Inhalt:
Sehnsucht nach Mill River erzählt nicht nur eine Geschichte, nein, es geht direkt um mehrere Personen, die ihr Leben in dieser kleinen Stadt bewältigen. Im Mittlepunkt steht jedoch die alte Dame Mary McAllister, die von den Bewohnern der Stadt gefürchtet und als Außenseiterin angesehen wird. Denn noch nie zuvor hat irgendjemand Mary gesehen, weil die alte Dame große Angst vor Fremden hat.

Der einzige Mensch, zu dem Mary Kontakt hält, ist Father O'Brien, der Priester des kleinen Ortes. Von ihm erfährt sie von den Menschen, die in der kleinen Stadt leben: vom alleinerziehenden Polizisten, der seine Tochter über alles liebt. Von der Grundschullehrerin, die ein neues Leben in Mill River beginnen möchte. Von der schmuckliebenden Krankenschwester, die Mary versorgt und von der ungewöhnlichen Daisy, die gerne Zaubertränke braut. Als Mary schwer krank wird, vertraut sie dem Pater ihr größtes Geheimnis an - und er beschließt, dass diese Stadt Mary nie vergessen darf. Besonders nicht der Mensch, den Mary am meisten in ihr Herz geschlossen hat.

Meine Meinung:
Nachdem ich dieses Buch schon etwas länger auf meiner Liste stehen hatte, habe ich endlich angefangen es zu lesen - und es definitiv nicht bereut. Am Anfang fiel es mir noch etwas schwer, mich auf die Handlung zu konzentrieren, obwohl der Schreibstil von Darcie Chan unglaublich gut ist. Man kann ihr als Leser leicht folgen und fühlt sich durch die verwendeten Wörter direkt in die Kleinstadt hineinversetzt, fast so, als wäre man ein Teil von ihr. Im Allgemeinen kann man einfach sagen, dass man sich Mill River unglaublich gut vorstellen kann; ein kleines hutzeliges Dörfchen in Amerika, dessen Einwohner noch Guten Tag zueinander sagen. Aber gerade das finde ich so interessant: Hier scheint die Zeit stillzustehen und die Menschen bedeuten einander noch etwas - denn alle sind auf irgendeine Weise miteinander verbunden.

Nach und nach wird die Geschichte spannender - immer wieder wird von Marys Vergangenheit berichtet oder man schwenkt zu einer der Personen, die auch eine wichtige Rolle im Roman spielen. Dass kapitelweise immer zwischen der Vergangenheit Marys oder der Gegenwart in Mill River berichtet wird, hält den Roman unglaublich spannend und man kann gar nicht aufhören zu lesen, da man immer mehr wissen möchte: über Mary und warum sie so geworden ist. Über den Polizisten Kyle oder die Grundschullehrerin Claudia. Darcie Chan schafft es einfach, beiden Handlungsstränge, die sie aufzeigt, gleich viel Gewicht zu geben, so dass nicht einer von ihnen bevor- oder benachteiligt wird. Wenn ich mich also entscheiden müsste, welcher Erzählstrang mir besser gefallen hat, könnte ich keinen von beiden nehmen, da beide gleich gut und gleich interessant für mich waren.

Das lag vor allem an den Charakteren, die so einzigartig sind wie man sich nur vorstellen kann.
Vor allem Father O'Brien habe ich in mein Herz geschlossen, der einen kleinen Tick hat, der schon ziemlich am Anfang erwähnt wird - er stiehlt Löffel. Und das macht den alten Geistlichen einfach unglaublich sympathisch, weil er eine Schwäche hat, die bei einem Priester normalerweise nicht auftreten sollte vor allem, da diese sich explizit an die 10 Gebote halten. Doch auch Mary hat mir mit der Zeit immer besser gefallen.

Je weiter man las, desto mehr konnte man Mary verstehen und sich in sie hineinversetzen. Am Ende tat sie mir unglaublich leid. Obwohl sie sich nicht traute, in Mill River neue Kontakte zu knüpfen, waren ihr die Bewohner des kleinen Städchens schon sehr wichtig. An einer Stelle des Buches, die ich allerdings nicht mehr finden kann, sagt sie auch, dass sie unglaublich gerne aus ihrem Haus raus und die Einheimischen kennenlernen möche, sie aber viel zu große Angst davor hat. Daher finde ich die deutsche Übersetzung des Titels recht gut gewählt, da Mary sich schon nach Mill River sehnt, obwohl sie nicht in das Städchen zurückkehrt.

Trotz allem erkennt der Leser hinter Mary einen furchtbar lieben Menschen, der viel Pech im Leben gehabt hat, aber trotzdem Gutes tun möchte. Er beginnt, Mary zu verstehen und bekommt durch den Erzähler einen Blick hinter die Fassade der alten Dame. Er befindet sich am Ende des Buches auf demselben Wissensstand über Mary wie der Priester O'Brien und ist somit einer der Menschen, die Mary näher kennen gelernt haben.

Das Ende hat mir richtig gut gefallen. In den einzelnen Kapiteln, die von Mary handeln, geht auch die Zeit weiter und endet schließlich mit der gegenwärtigen Situation der alten Dame. Was mich besonders berührt hat, war, dass schlussendlich alle Handlungsstränge zusammenlaufen und somit wieder eine Einheit der Handlung gebildet wird, die den ganzen Roman rund und in sich abgeschlossen wirken lassen.

Fazit:
Ein Roman, der zeigt, dass wir Menschen auch hinter die Fassade anderer blicken sollten. Je mehr man über Mary erfährt, desto mehr kann man sie verstehen und leidet mit ihr mit. Am Ende hat man wirklich das Gefühl, jemand ganz Besonderen gehen zu lassen und man wünscht sich, dass auch die Bewohner Mill Rivers Mary etwas näher kennengelernt hätten.
 
Auch dieser Handlungsstrang ist unglaublich interessant und auch hier blickt man wieder hinter die Kulissen und erfährt, was manch eine dieser Personen verbirgt. Durch die Zusammenführung der Gegenwart und der Vergangenheit bekommt der Roman etwas Rundes und Fertiges und wirkt in sich abgeschlossen. Er lässt den Leser aber trotzdem nicht los, sondern lässt ihn noch lange über das Geschehene nachdenken. Für diesen tollen Roman vergebe ich daher 5 von 5 Sternen.

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Allgemeine Infos zum Buch
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 27.09.2013
Aktuelle Ausgabe : 27.09.2013
Verlag : Marion von Schröder, in Ullstein Buchverlage GmbH
ISBN: 9783547711899
Fester Einband: 400 Seiten
Sprache: Deutsch