Samstag, 7. Juni 2014

Rezension zu "Das Haus des Windes" von Louise Erdrich

Ein kleiner Junge wird erwachsen

 

Zum Inhalt:
Der 13-jährige Joe Coutt wächst behütet in einem Indianerreservat in den 80er Jahren in einem behüteten Elternhaus auf: Sein Vater ist Stammesrichter und seine Mutter arbeitet im Büro. Doch eines Sommers verändert sich alles. Joes Mutter wird vergewaltigt und sondert sich von ihrer kleinen Familie ab. Da der Ort der Tat an der Grenze zwischen drei Gebieten liegt, sind mehrere Behörden mit der Aufklärung des Falles beschäftigt. Joe und sein Vater wollen der Mutter helfen und sie zurück in die Wirklichkeit holen, doch Joes Vater sind die Hände gebunden. Gemeinsam mit seinen Freunden Cappy, Angus und Zack macht Joe sich schließlich allein auf die Suche nach dem Täter - und findet den Schlüssel in den alten Akten...

Meine Meinung:
Natur, ein mysteriöses Geheimnis und die Aufdeckung dessen - das klingt doch sehr nach Der Duft des Regens. Zumindest vom Prinzip her. Ich bin auf dieses Buch durch eine Leserunde aufmerksam geworden, allerdings war zu diesem Zeitpunkt schon ausgelost worden. Trotzdem habe ich mir viele Rezensionen durchgelesen und nachdem so viele gesagt haben, dass dieses Buch großartig ist, habe ich es mir auch gekauft.
Und ich habe es nicht bereut. Das Buch ist wirklich großartig, vor allem der Schreibstil hat es mir sehr angetan.

Während man am Anfang noch einige kindliche Empfindungen Joes durch die verwendete Sprache heraushören kann, wandelt sich dies im Laufe des Romans. Man erkennt seine Verzweiflung durch kurze Sätze, die zeigen sollen, dass er nicht weiß was er tun soll um seiner Mutter zu helfen und am Schluss betrachtet er die Situation so nüchtern und distanziert wie es nur ein Erwachsener tun könnte. Das hat mich glaube ich am meisten beeindruckt: Dass Luise Erdrich es schafft, ihren Hauptcharakter, der noch ein Kind ist mithilfe der Sprache zum Manne reifen zu lassen und zwar so, dass es dem Leser explizit auffällt.

Was auch etwas anders war als in anderen Büchern, war, dass keine wörtliche Rede benutzt wurde, zumindest keine, die in Anführungszeichen stand. Hier fand ich es zu Beginn etwas schwer mich zurecht zu finden, da ich manchmal nicht wusste, ob dies jetzt von einer Person gesagt wird. Jedoch habe ich mich im Laufe des Buches daran gewöhnt, so dass es mir hinterher nicht weiter aufgefallen ist. Dass Mrs. Erdrich keine wörtliche Rede benutzt könnte daran liegen, dass dieses Buch praktisch eine Nacherzählung ist. Berichtet wird von Joe aus der Ich-Perspektive, der sich an das Verbrechen, das an seiner Mutter begangen wurde, erinnert. Diese Nacherzählung darzustellen ist Mrs. Erdrich wirklich gut gelungen.

Ich möchte aber nicht nur die Sprache des Romans loben, sondern auch noch etwas genauer auf die Handlung eingehen.
Die Handlung dreht sich - natürlich - größtenteils um die Aufklärung an dem Verbrechen, aber auch das Leben im Reservat und die Unternehmungen mit Joes Freunden rücken immer mehr in den Vordergrund. Zwischenzeitlich waren diese Szenen aber doch etwas zu detailliert beschrieben, so dass ich mir gewünscht hätte, es würde mit dem Verbrechen weitergehen. Das ist jedoch nur ein kleiner Makel, der jetzt keine großartigen Auswirkungen auf meine Bewertung hat.

Joe ist natürlich der Hauptcharakter der Geschichte und man erfährt natürlich am meisten über ihn. Auch greift er immer wieder in die Zukunft vor und erzählt, wie sein heutiges Leben verläuft. Durch den Roman hat man das Gefühl, er würde sich das Geschehen von damals von der Seele reden wollen und der Leser sei sein einziger Zuhörer. Das finde ich sehr nett gemacht.
Aber auch über seine Familie und seine Freunde erfährt man viel, was es unmöglich macht, diese nicht sympathisch zu finden.

Vor allem sein Großvater, Mooshum, hat es mir angetan. So jemanden würde ich wirklich gerne mal im echten Leben treffen, denn er hat seinen schwarzen Humor trotz seines hohen Alters behalten.
Was mich allerdings störte war wieder einmal die Übersetzung des Romantitels. Im Orignal ist es unter dem Titel The Round House erschienen, das Rundhaus also, welches im Roman eine zentrale Rolle einnimmt. Der Titel Das Haus des Windes gibt leider nicht so adäquat wieder, dass vor allem das Rundhaus ein wichtiger Ort ist. Hier hätte ich mir wirklich eine wortwörtliche Übersetzung gewünscht.

Das Ende fand ich wirklich schockierend. Es ist gerade alles aufgeklärt worden und man denkt sich, jetzt sind die Charaktere wieder im Einklang miteinander als Louise Erdrich nochmals einen richtigen Schocker einbaut und das noch auf den letzten Seiten. Wenn man das Buch dann zuklappt, hat man wirklich das Gefühl, ein Blitz sei gerade eingeschlagen und man kann gar nicht fassen, dass das Buch schon geendet hat. Aber das finde ich so faszinierend an diesem Buch: Diese unausweichliche Härte, die immer dann zuschlägt wenn man sie am wenigsten erwartet.

Fazit:
Ein wirklich tolles Buch, das einen durch seinen Schreibstil und durch seine Handlung fesselt. Man durchlebt die Entwicklung Joes hautnah mit und fühlt sich am Ende selbst ein wenig reifer, so, als sei das Geschehene der eigenen Mutter widerfahren. Diese Härte, mit der die Tatsachen geschildert werden, trifft den Leser mitten ins Herz und lässt ihn schon ein ums andere mal schlucken. Die schön ausgearbeiteten Charaktere sind ihm unglaublich nah. Für diesen tollen Roman vergebe ich 5 von 5 Sternen.

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Allgemeine Infos zum Buch
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 17.02.2014
Aktuelle Ausgabe : 17.02.2014
Verlag : Aufbau Verlag
ISBN: 9783351035792
Fester Einband: 368 Seiten
Sprache: Deutsch