Dienstag, 20. Mai 2014

Rezension zu "Die chinesische Sängerin" von Jamie Ford

Vorsicht: Suchtgefahr!

 

Zum Inhalt:
Seattle 1934: Der 12-jährige William Eng lebt seit 5 Jahren in einem Waisenhaus, dem Sacred Heart, mit vielen anderen Kindern zusammen. Gemeinsam teilen sie ihr Leid, das sie durch die Härte der Klosterfrauen und vor allem Schwester Briganti, die Leiterin des Heims, erfahren. Oft denkt William zurück an die Zeit mit seiner Mutter - glaubt er doch, sie sei verstorben. Bis er sie plötzlich durch Zufall auf einem Filmplakat entdeckt in Gestalt von Willow Frost, der chinesischen Sängerin. Sofort ist William überzeugt, dass diese Frau seine Mutter ist und flüchtet aus dem Waisenhaus um sie zu finden. Aber nicht nur sie. Sondern auch, warum sie ihn vor 5 Jahren einfach sang- und klanglos verlassen hat.

Meine Meinung:
Nachdem ich aufgrund von meinem Abiturstress lange keine Rezension mehr posten konnte, hole ich das mit Die chinesische Sängerin nach.

Ich muss erstmal zum Schreibstil sagen, dass dieser dem Leser sehr flüssig von der Hand geht und er sich sehr schnell in die Handlung einfindet. Auch die dargestellte Zeit wirkte auf mich unglaublich realistisch, so dass ich mich auch hier sehr gut unterhalten fühlte. Wenn man bedenkt, dass diese Zeiten noch gar nicht so lange her sind, kommt einem erst einmal in den Sinn wie viel sich in den letzten 80 Jahren verändert hat. Und das ist wirklich unglaublich.

Auch die Themen, die der Autor behandelt, haben mich sehr angesprochen. Ich habe noch nie zuvor ein Buch gelesen, dass von der Zeit handelte, als gerade der Tonfilm ins Rollen kam und den Stummfilm ablöste. Auch hier ist die Szenerie wieder unglaublich realistisch dargestellt, so dass ich mich direkt in die Zeit versetzt gefühlt habe.

Komme ich aber nun zu der Geschichte von William und seiner Mutter.
Am Anfang plätscherte die ganze Handlung noch ein wenig vor sich hin, logisch, man musste sich ja auch erst einmal selbst orientieren. Stellenweise war mir jedoch viel zu wenig Spannung enthalten, so dass ich mich zwingen musste, weiterzulesen.

William trifft jedoch recht schnell auf seine Mutter, eigentlich sogar sehr früh für meinen Geschmack, aber ab dort steigt die Spannung der Geschichte.

Nun beginnt nämlich seine Mutter von ihrem Leben zu erzählen: Von Williams Vater, von ihrer Schauspielkariere und warum sie so geworden ist, wie sie ist.
Hält der Leser Liu Song Eng, Willows richtiger Name, für eine skrupellose Frau, die ihren Sohn enttäuscht hat, lernt man sie in den rückblickenden Passagen viel besser kennen und beginnt, ihre Handlungsweisen zu verstehen.

Auf den ersten paar hundert Seiten lernt man William besser kennen und bemerkt schnell, dass er mit seinen 12 Jahren ganz schön erwachsen handelt und auch reagiert. Dies finde ich jedoch recht realistisch wenn man bedenkt in was für Zeiten William aufwächst. Der große Börsencrash ist gerade mal 5 Jahre her und trotzdem herrscht überall die Armut. Verglichen mit den Kindern aus Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen, die eine ähnliche Ernsthaftigkeit an den Tag legen, finde ich die Reife Williams nicht übertrieben, schließlich muss er früh lernen, alleine klarzukommen.

Was mich besonders gerührt hat war seine Beziehung zu der blinden Charlotte, die sich im Laufe der Handlung noch festigt.
Auch Willow wächst dem Leser schnell ans Herz. Die Rückblicke in ihre Vergangenheit lassen den Leser vieles verstehen und begreifen und - das Wichtigste - auch Mitleid mit ihr zu empfinden.

Denn das ist es, was einen richtigen realen Charakter ausmacht: Man muss mit ihm mitleiden, sich in seine Lage versetzen können. Und das kann man bei garantiert allen Protagonisten dieses Buches.
Eigentlich kann man zu allen Charakteren sagen, dass sie einem ans Herz wachsen. Umso härter wird es dadurch für den Leser, wenn wieder ein schlimmer Schicksalsschlag eintritt, sei es für William oder für seine Mutter.

Deswegen hat mich das Ende, was so bitter-süß ist wie ein Stück Zartbitterschokolade richtig aufseufzen lassen, weil es so scheint, als wäre alles wieder ins rechte Licht gerückt worden und der zuvor durchbrochene Kreis wieder zu einem ganzen gewachsen.

Fazit:
Ein wundervolles Buch über die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, dessen Handlung besonders durch die Rückblicke in Willows Vergangenheit spannend gehalten wird. Gemeinsam mit William durchforstet der Leser Liu Songs Erinnerungen und durchlebt ihre Geschichte selbst, genauso wie er das Seattle der 30er Jahre erlebt: ungeschönt und realistisch. Irgendwann fällt es jedem Leser schwer dieses Buch aus der Hand zu legen, obwohl es am Anfang noch etwas lasch erscheint, obwohl der Schreibstil gut sind und man sich schnell in die Geschichte einfindet.
Für Die chinesische Sängerin vergebe ich 4 von 5 möglichen Sternen.

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Allgemeine Infos zum Buch
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 31.03.2014
Aktuelle Ausgabe : 31.03.2014
Verlag : Bloomsbury
ISBN: 9783827011848
Fester Einband: 368 Seiten
Sprache: Deutsch