Montag, 17. Februar 2014

Rezension zu "Erzähl es niemandem!" von Randi Crott

Schrecklich schön

 

Zum Inhalt:
Randi Crott berichtet in ihrem Buch Erzähl es niemandem! von der unglaublichen Liebesgeschichte ihrer Eltern Lillian Crott Berthung und Helmut Crott, die sich in Norwegen zum ersten Mal trafen und sofort ineinander verliebten. Es ist jedoch keine Wolkenkuckucksheim-Geschichte: Um sie herum tobt der 2. Weltkrieg und zu allem Überfluss ist Helmut auch noch Soldat in der deutschen Armee - ein absolutes Manko, wenn es nach Annie und John Berthung, Lillians Eltern geht. Was keiner weiß: Er ist Halbjude. Würde das aufgedeckt werden, würde das seinen sicheren Tod bedeuten. Und deswegen bittet er Lillian, niemandem davon zu erzählen...

Als Randi, die Tochter der beiden, mit 18 Jahren erfährt, dass ihr Vater Halbjude ist, ist sie zuerst geschockt und möchte unbedingt mehr über die Vergangenheit ihres Vaters herausfinden. Dies kann sie jedoch erst nach seinem Tod im Jahre 2008 machen und rekonstruiert in Erzähl es niemandem! gemeinsam mit ihrer Mutter Lillian den Lebens-, Liebes-, und Leidensweg ihrer Eltern.

Meine Meinung:
Da ich mich sehr für den Nationalsozialismus und seine Erziehungsmethoden interessiere, hat mir meine Deutschlehrerin dieses Buch empfohlen und ich weiß immer noch nicht wirklich, was ich über dieses Buch schreiben soll. Jedes Mal, wenn ich es in die Hand genommen habe, hatte ich das Gefühl ich sei in dieser Zeit, konnte mir alles ganz genau vorstellen, die Menschen, die Orte, einfach alles. Ich habe mich durch Randi Crotts Erzählungen als Teil dieser damals schrecklichen, grausamen Welt gefühlt und auch die ganze Zeit über dieses ganz spezielle beklemmende Gefühl gehabt, als würde jeden Moment in meinem Kopf ein Fliegeralarm losgehen, der einen Flugzeugangriff ankündigt.

Durch die vielen Bilder, die die Situationen untermalen, fällt es dem Leser noch leichter, sich nicht nur in die Zeit zurückzuversetzen, sondern sich auch die Orte und ihr damaliges Aussehen genau vorzustellen. Dasselbe gilt für die Bilder von Lillian und Helmut, die zwischenzeitlich immer wieder eingefügt werden.

Was ich auch sehr an dem Buch mag, ist, dass die Kapitel abwechselnd die Geschichte zwischen Lillian und Helmut weiterspinnen, aber auch historisches Hintergrundwissen bezüglich der damaligen Situation in Norwegen liefern. Als Außenstehender hat man meist nicht die Ahnung, dass auch Norwegen so stark unter dem Krieg gelitten hat und wie krass auch dort die deutsche Besatzung war. Ich finde es allerdings gut, dass Randi Crott die norwegische Sitation aufzeigt, da solche Dinge immer wieder in den Hintergrund rücken und in Vergessenheit gegenüber der deutschen Situation geraten. Daher gefällt es mir sehr, dass Randi Crott diese Lücke in der Literatur füllt.

Durch das Präsens, das in der Biografie verwendet wird, fühlt sich der Leser als Teil des Geschehens, weil er durch das Tempus der Gegenwart die Liebesgeschichte zwischen Lillian und Helmut miterlebt und mit beiden Charakteren stark mitfiebert. Durch die benutzten Zitate, die in einem Anhang nochmals explizit angegeben werden, bekommt der Leser eine richtige Gänsehaut, besonders, wenn es um Briefe von Helmut an seinen Vater oder an Lillian geht. Auch hier ist es sehr schwer, nicht nach einem Taschentuch zu greifen, weil es einfach unglaublich rührend und beklemmend, ergreifend und schrecklich zugleich ist.

Zu den Charakteren brauche ich glaube ich nicht viel sagen. Sie fühlen sich lebendig, waschecht an und man leidet so stark mit ihnen mit, dass einem selbst die Tränen in den Augen stehen. Lillian ist eine unglaublich starke Frau, die sich sogar über die eigenen Eltern hinwegsetzt um mit ihrer großen Liebe - einem Deutschen - zusammen zu sein. Ich habe mich manchmal wirklich gefragt, ob das heutzutage noch jemand machen würde - und bin zu dem Schluss gekommen, dass es nur diejenigen tun würden, die sich ihrer Liebe und der des anderen zu 100 Prozent sicher sind, wenn überhaupt. Von daher finde ich es unglaublich mutig von Lillian, voll hinter Helmut zu stehen, vor allem, da die deutschen Soldaten bei den Norwegern auf großen Widerstand und Antiphatie stießen.

Helmuts Schicksal hat mich sehr berührt. Er selber war Jude - und wurde in die deutsche Armee eingezogen. Eine unglaubliche Ironie, wenn man bedenkt, dass die Juden zu einer "minderwertigen Rasse", laut Hitler, gehörten und er sofort exekutiert worden wäre, wenn seine wahre Identität aufgeflogen wäre. Man betet, man hofft und man wünscht Helmut über das ganze Buch hinweg, dass er sein Geheimnis bewahren kann, dass er heil durch den Wehrdienst kommt und vor allem, dass er trotz seiner Herkunft von Lillian akzeptiert wird. Am Ende des Buches gleitet einem schon ein wirklich frohes  Lächeln über das Gesicht. Es macht einen schon sehr glücklich, wenn nicht alle Kriegsgeschichten böse enden.

Fazit:
Ein sehr ergreifendes Thema, das hier sehr ergreifend geschildert wird und auch neue Aspekte der norwegisch-deutschen Geschichte anbringt. Man versetzt sich in die Lage von Lillian und Helmut und fiebert mit beiden Charakteren stark mit, die dem Leser durch das Präsens und angeführte Fotos und Briefe sehr nah scheinen. Diese Biografie ist ein wahrer Lückenfüller in der Geschichte der nationalsozialistischen Literatur, was durchaus nicht negativ gemeint ist. Dass die Besatzungszeit in Norwegen für die Menschen damals unglaublich schwer war, weiß heute kaum noch jemand, von daher hat es mich persönlich sehr berührt, wie Randi Crott diese geschildert hat, sodass auch der Leser sich in die Situation hineinversetzen kann. Wer Fakten mit einem Hauch von zarter, unschuldiger Liebe vertragen kann, der sollte sich dieses Buch unbedingt kaufen. Von mir gibt es daher 5 von 5 möglichen Sternen für diese tolle Biografie.

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Allgemeine Infos zum Buch:
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 01.02.2012
Aktuelle Ausgabe : 01.05.2013
Verlag : DuMont Buchverlag
ISBN: 9783832162306
Flexibler Einband: 288 Seiten