Donnerstag, 18. Februar 2016

Rezension zu "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" von Haruki Murakami

Ein philosophisches Buch über Freundschaft, Liebe und die eigene Vergangenheit

 

Zum Inhalt
Tsukuru Tazaki ist niemand besonderes. Er sieht nicht besonders aus, hat keine besonderen Noten und auch sonst keine herausstechenden Merkmale. Er ist einfach farblos. Das Einzige, was ihn besonders macht, sind seine vier besten Freunde, die alle eine Farbe im Namen tragen: Rot, Blau, Weiß und Schwarz. Alles unternehmen sie gemeinsam, führen Projekte durch, lernen zusammen und werden eine richtige Gemeinschaft. Bis sie Tsukuru im ersten Universitätsjahr die Freundschaft kündigen und er sich nicht mehr bei ihnen melden soll.

Mittlerweile ist Tsukuru 36, baut und verbessert erfolgreich Bahnhöfe und trifft auf Sarah, eine Frau mit der er sein Leben verbringen könnte. Allerdings merkt Sarah, dass etwas mit Tsukuru nicht stimmt. Irgendetwas scheint seit damals in ihm zerbrochen zu sein. Wenn ihre Liebe Bestand haben soll, sagt Sarah, muss Tsukuru sich seiner Vergangenheit stellen. Und so macht sich Tsukuru auf die Reise in seiner Vergangenheit und was damals wirklich geschehen ist.

Meine Meinung
Schon des öfteren habe ich viel gutes über die Bücher von Haruki Murakami gehört, mich jedoch nicht getraut eines von ihnen in die Hand zu nehmen und wirklich zu lesen. Dieser Roman ist also der erste den ich von dem Autor lese.

Die Sprache, die Murakami in seinem Buch benutzt, ist sehr simpel gehalten, so dass jeder dem Handlungsverlauf gut folgen kann. Dennoch ist sie wenn man ein wenig tiefergehend blickt, sehr tiefgründig und philosophisch und verbreitet eine sehr wichtige Nachricht: dass niemand farblos ist, dass jeder eine eigene Persönlichkeit hat und sich nicht über andere definieren sollte. Sehr schön wird dies in Tsukurus Gesprächen mit seinen Freunden und Sarah deutlich. Während die Handlung sich eher auf das tatsächliche Agieren der Charaktere konzentriert, spielen sich die Gespräche auf einer höheren Ebene ab als auf einer handlungsbezogenen. Stattdessen geht es um wichtige Themen wie Freundschaft, Liebe und Verlust. Themen, die zwar in vielen Büchern behandelt werden, allerdings nicht so tiefgründig bearbeitet und überdacht worden sind. Zwischenzeitlich hatte ich beim Lesen das Gefühl, mir gegenüber säße ein alter Japaner, der Lebensweisheiten erteilt, was jedoch in keiner Weise nervig war. Eher vermittelte es dem Leser ein Gefühl von Nähe und Wärme, so dass man sich während des Lesens gut aufgehoben fühlte. Zwar wird aus der personalen Erzählperspektive berichtet, aber dennoch kann man sich sehr gut in Tsukuru einfühlen und erlebt die Handlungen und Gespräche hautnah mit ihm mit. Die Kapitel selbst zogen sich überhaupt nicht und obwohl sie etwas länger gehalten waren, konnte man sie schnell beenden.

Tsukuru ist im Grunde der einzige Charakter, den man wirklich kennenlernt. Schließlich begleitet man ihn durch den ganzen Roman. Bisher hat sich mir jedoch kein Buchcharakter so deutlich eingeprägt wie Tsukuru. Er hat eine einzigartige Persönlichkeit, baut Bahnhöfe, was mir bisher auch noch nicht untergekommen ist und bezeichnet sich selbst als farblos. Aber das ist Tsukuru ganz sicher nicht. Er ist einer der interessantesten und vielschichtigsten Charaktere, über die ich je etwas gelesen habe und allein durch seine Einzigartigkeit ganz sicher nicht farblos. Leider empfand ich nicht bei allen Personen so. Tsukurus Freunde, die im Romanverlauf aufgesucht werden, kamen mir im Vergleich zu Tsukuru sehr lasch und unpersönlich vor. Ich hatte das Gefühl, dass sie diejenigen waren, die farblos sind, obwohl alle eine Farbe in ihrem Namen tragen. Natürlich erfährt man auch etwas über ihr bisheriges Leben, aber bei keinem war man so nah am Geschehen wie bei Tsukuru. Und das obwohl auch seine Freunde viel erlebt haben. Trotzdem merkte man durch die Distanz zum Leser auch die Distanz zwischen Tsukuru und seinen Freunden. Es war einfach zu lange her, als Tsukuru den ersten Schritt in ihre Richtung wagte und obwohl sie sich freundlich begegnen, spürt man besonders bei seinen männlichen Freunden die Kluft der Trennung. Bei Eri merkte man schon wieder etwas mehr von der Vertrautheit, die bei den anderen gefehlt hat. Dennoch war auch hier die Distanz zwischen den beiden Personen unübersehbar. Trotzdem passt diese wirklich gut in die Geschichte hinein wie ich finde. Es wäre irgendwie merkwürdiger, wenn sich plötzlich alle wieder in die Arme fallen würden.

Der Besuch bei seinen Schulfreunden deckt viele Sachen auf, von denen Tsukuru nichts wusste und die daher auch erstaunend und schockierend für ihn und den Leser sind. Dies hält den Handlungsverlauf äußerst interessant und man möchte das Buch nicht aus der Hand legen. Ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht und vor allem ob sich noch mehr Ungereimtheiten bezüglich dem plötzlichen Kontaktabbruch ergaben oder auflösten. Auch wenn das, was für die Trennung gesorgt hat, im ersten Moment fantastisch klingt ohne großartig spoilern zu wollen, gewöhnt man sich doch recht schnell an die Vorwürfe und Tatsachen die gegen Tsukuru sprechen. Dennoch hat man ein sehr großes Vertrauen in ihnm, so dass man die Wahrheit der Anschuldigungen schnell anzweifelt. Was ich allerdings ein kleines bisschen schade fand war, dass obwohl vieles aufgedeckt wird, immer noch einiges im Verborgenen bleibt und der Fantasie des Lesers überlassen ist. Ich hätte mir lieber eine gesamte Aufklärung der Geschichte gewünscht, auch wenn dies durch einige Umstände eh nicht möglich gewesen wäre. Trotzdem hätte mich das zufriedener zurückgelassen.

Das Ende des Buches war ein sehr schöner und runder philosophischer Abschluss, der wie die Faust aufs Auge zum gesamten Buch gepasst hat. Alle Handlungen finden zu einem einzigen Strang und es werden noch ein paar Unklarheiten aufgedeckt auch wenn es nicht alle waren. Besonders gut gefallen hat mir das Schlussgespräch zwischen Tsukuru und Eri, welches mein Philosophenherz ungemein höher schlagen ließ. Insgesamt war das Buch sehr philosophisch und hat mich sehr berühren können. Ich denke nicht, dass dies das einzige Buch des Autors sein wird, was ich lesen werde.

Fazit:
Insgesamt ein wundervoller philosophischer Roman mit einer bedeutenden Nachricht an die Leser. Jeder ist etwas besonderes, auch wenn er meint, dem ist nicht so und er erfährt speziell durch Liebe, Verlust und Freundschaft seinen Schliff. Man fühlt sich richtig in die Geschichte ein, rätselt mit Tsukuru und besucht seine Freunde um zu erfahren was damals geschah. Für mich gab es keine Längen, die wirklich nennenswert wären, da immer wieder etwas neues passierte und Murakami eine sehr schöne Art hat, dieses Neue zu erzählen. Ich habe das Buch bereits im Januar beendet, konnte aber aufgrund meiner Klausurphase keine Rezension schreiben. Dennoch hat mich dieses Buch immer noch nicht losgelassen und ich denke manchmal an Tsukurus Geschichte zurück. Für diesen wundervollen Roman vergebe ich daher 5 Sterne.

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Allgemeine Infos zum Buch 
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 09.01.2014
Aktuelle Ausgabe : 13.07.2015
Verlag : btb Verlag (TB)
ISBN: 9783442749003
Flexibler Einband 352 Seiten
Sprache: Deutsch