Freitag, 8. Mai 2015

Rezension zu "Weit weg und ganz nah" von Jojo Moyes

Roadtrip mit Umwegen

 

Zum Inhalt:
Jess Thomas lebt mit ihrer Tochter Tanzie, ihrem Stiefsohn Nicky und dem Riesenhund Norman am Rande des Existenzminimums seit ihr Mann Marty die vier vor 2 Jahren sitzengelassen hat. Jess tut alles um ihren Kindern ein schönes Leben zu ermöglichen - deswegen hat sie mehrere Jobs gleichzeitig, unter anderem als Putzfrau und Bardame. Als Tanzie, die ein wahres Matheass ist, die Chance angeboten wird, speziell von der Hochbegabtenschule St. Anne's gefördert zu werden, gerät Jess in ziemliche Bedrängnis. Ein Stipendium wäre eine großartige Möglichkeit; dazu muss Tanzie eine Mathematik-Olympiade in Schottland meistern um dieses zu bekommen. Doch obwohl durch ein Stipendium die größten Kosten gedeckt wären, ist die Aufnahmegebühr trotzdem noch viel zu hoch. Als Jess während ihrer Schicht in der Bar ein Haufen Geldscheine findet, wittert sie ihre Chance. Dass dieses Geld jedoch Mr. Nicholls gehört, für den sie putzt, verdrängt Jess. Und auch, dass sie den Mann bestohlen hat, der ihnen ihre Hilfe anbietet, zur Olympiade zu kommen...

Meine Meinung:
Ich habe bisher alle beiden Bestseller von Jojo Moyes auf Deutsch gelesen -und es war klar, dass der nächste auch gleich in mein Regal wandern musste. Eine Handvoll Worte und Ein ganzes halbes Jahr behandelten sehr interessante und vor allem auch ernste Themen, mit denen sich die heutige Gesellschaft häufig auseinandersetzen muss. Mit Jess eine Frau zu schaffen, die am Existenzminimum lebt, fand ich sehr interessant, denn auch die Schere zwischen Arm und Reich wird in Deutschland sowie in ganz Europa immer größer und deswegen war ich schon vom Klappentext des Buches sehr angezogen.

Leider ist die Sprache nicht so fesselnd wie die der beiden Vorgänger. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass alles nur so vor sich hin plätscherte und keine richtige Spannung aufkommen wollte. Das führte dazu, dass das Buch schnell langweilig wurde und man sich lieber etwas anderem zuwandte. Zwar ist das Thema "Leben an der Armutsgrenze" und "Chancenungleichheit" heutzutage sehr relevant  und interessant, und vor allem in dem Buch auch sehr detailliert geschildert, aber trotzdem kann sich der Leser sehr schnell langweilen, obwohl er so viel erfährt. Was mir jedoch gut an der im Buch verwendeten Sprache gefallen hat, war, dass man sich die Charaktere und Situationen sehr gut vorstellen konnte und sie sich als real existierende Personen denken konnte. In den Unterhaltungen hat mich die Vielfalt der Sprache dann sehr überrascht. Geht es in einem Moment sehr ernst und streng zu, ist die Unterhaltung im nächsten Teil schon wieder vollkommen anders - und es wirkt nicht aufgesetzt, ganz im Gegenteil. Es passt gut zu den Charakteren und ihren Eigenschaften. Weit weg und ganz nah besteht größtenteils aus sehr langen Kapiteln, was es schwer macht, mitten im Kapitel wieder in die Geschichte hineinzufinden. Da ich mich, wie schon erwähnt, sehr gelangweilt habe, habe ich das Buch manchmal sogar für mehrere Wochen nicht angefasst, weil ich einfach keine Lust hatte, weiterzulesen. Das war sehr schade, denn die Sprache ist leicht verständlich, aber dennoch unspannend.

Mein Highlight des Buches waren die Charaktere. Schon bei ihren anderen Romanen habe ich gemerkt, dass Jojo Moyes sehr viel wert auf die Charaktergestaltung legt. Das ist bei diesem Werk nicht anders, denn  auch hier sind die Charaktere detailliert gestaltet und besitzen tiefgründige Eigenschaften. Da alle Charaktere "aus dem Rahmen fallen", möchte man unbedingt mehr wissen, beispielsweise wie Jess es schafft, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben und wie Nicky und Tanzie mit ihren unterschiedlichen Ansichten klarkommen und sich dennoch so gut verstehen. Was ich vielleicht noch erwähnen sollte, ist, dass jedes Kapitel aus einer anderen Charakterperspektive geschrieben ist. Zwar wechselt die Sicht hauptsächlich zwischen Jess und Mr. Nicholls hin und her, man bekommt jedoch auch Einblicke in Tanzies und Nickys Gedanken- und Gefühlswelt. So lernt man jeden Charakter sehr gut kennen und auch das soziale Milieu, in dem sie sich bewegen. Nebencharaktere gibt es so gut wie keine. Die meisten tauchen nur auf einer kurzen Station auf dem Roadtrip auf und spielen danach keine weitere Rolle mehr. Trotzdem sind auch diese auf ihre eigene Art sympathisch, genau wie die Hauptcharaktere. Dadurch kann man mit allen Personen sehr gut mitfühlen.

Den Handlungsverlauf fand ich sehr langweilig gestaltet und damit auch sehr vorhersehbar. Ungefähr dreiviertel der Geschichte besteht aus der Fahrt nach Schottland -und es scheint immer das gleiche zu passieren. Alle fahren, Norman muss irgendwann raus, etwas Unvorhergesehenes geschieht und dann suchen sich alle ein billiges Hotel und Jess und Mr. Nicholls schlafen im Auto. Morgens macht Jess belegte Brote und dann geht der ganze Kreis wieder von vorne los. Durch diese sich immer wiederholenden Szenen wird die ganze Geschichte schnell langweilig und man möchte eigentlich gar nicht mehr weiterlesen. Richtig Spannung kam für mich erst auf den letzten 100 bis 150 Seiten auf, die ich auch fast in einem Rutsch durchgelesen habe.

Das Ende ist um Längen spannender als der ganze restliche Teil des Buches, besonders weil es vollkommen unvorhersehbar ist und man erst einmal ein wenig stutzen muss. Allerdings war es schon komisch, wie viele Zufälle noch auftraten. Der Epilog war für mich etwas zu viel, da er für mich zu viel verrät, was nach dem eigentlichen Ende noch passiert. Deswegen hätte er ruhig weggelassen werden können, da für mich das Buch nach dem letzten normalen Kapitel beendet war.

Fazit:
Ehrlich gesagt bin ich sehr froh, das Buch beendet zu haben. Ich hatte sehr damit zu kämpfen, auch wenn das Thema sehr spannend war, aber die Gleichförmigkeit der Handlung gestaltete vieles sehr langweilig, was die Sprache noch unterstützte. Auch wenn diese in Unterhaltungen vielfältig und einfach ist, fehlt einem doch die Motivation, das Buch zu lesen. Was für mich wirklich gelungen war, waren die liebevoll gestalteten Charaktere und die letzten 150 Seiten des Buches, da endlich mal Spannung aufkam und sich auch die Vielfältigkeit der Sprache belohnt machte. Von daher bekommt Weit weg und ganz nah gerade noch so 3 Sterne von mir.

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Allgemeine Infos zum Buch
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 23.05.2014
Aktuelle Ausgabe : 23.05.2014
Verlag : Polaris Verlag
ISBN: 9783499267369
Flexibler Einband: 510 Seiten
Sprache: Deutsch