Dienstag, 26. Mai 2015

Rezension zu "Meine Hälfte von dir" von Nancy Salchow

Das wahrscheinlich persönlichste Buch, was Nancy je geschrieben hat

 

Zum Inhalt:
Nancys Zwillingsbruder Martin lebt ein sehr freies Leben: Als DJ muss er nur an den Wochenenden arbeiten und hat unter der Woche viel Freizeit, in der er sich mit seiner Schwester trifft und mit ihr hinunter an den nahegelegenen See geht. Seit Wochen plagen Martin Lähmungserscheinungen in den Armen, was er jedoch als Lapalie abtut. Als er sich jedoch endlich durchringt, ins Krankenhaus zu gehen, trifft die Familie die Schockdiagnose: Martin hat ein Glioblastom am Gehirn, einen Tumor, den kein Arzt operieren kann. Seine Heilungschancen betragen gleich null. Lebenserwartung: gerade mal ein Jahr. Und dieses Jahr möchte die Familie ihrem Sohn und Bruder so schön wie möglich gestalten. In Meine Hälfte von dir berichtet Nancy von den vielen Krankenhausaufenthalten, den Hochs und auch den Tiefs, die die Krankheit ihres Zwillingsbruders mit sich bringt.

Meine Meinung:
Seit etwa 2 Jahren kenne ich die Bücher von Nancy Salchow und habe jede ihrer Autobiographien gelesen. Wer dies noch nicht getan hat, dem empfehle ich, das sehr gerne nachzuholen. Und immer wieder frage ich mich, wie ich bewerten kann, was Nancy durchgemacht hat, wie man etwas bewerten kann, das man mit der Öffentlichkeit teilt, was man persönlich durchgemacht hat. Ich habe lange überlegt, wie ich anfangen soll und es ist mir sehr sehr schwer gefallen, denn eigentlich gibt es für die Schicksalsschläge, denen Nancy ausgesetzt war, keine Worte.

Ihre Sprache ist, wie in allen Autobiographien zuvor schon, sehr persönlich und intim und gewährt damit einen Einblick in ihre Gefühlswelt. Ursprünglich wollte Martin mit Nancy dieses Buch schreiben, doch jetzt hat Nancy es doch alleine verfasst. Trotzdem hat man als Leser das Gefühl, als wäre er in jeder Seite, in jedem Wort, das Nancy schreibt, enthalten. In Dialogen bringt Nancy ihren Bruder zum Reden und verleiht ihm eine ganz eigene Sprache, eine eigene Stimme. Das war einer der Aspekte, die mir auf jeden Fall am besten an dem Buch gefallen haben. Dies lag vor allem daran, dass diese Dialoge wirklich wie Dialoge aufgebaut waren; durch Zwischenüberschriften konnte man sich daran orientieren, wer gerade redete und der Schlagabtausch zwischen Nancy und Martin war mitunter sehr witzig gestaltet, auch wenn er oft von Wehmut überschattet war. Wie auch in Nancys anderen Büchern zuvor ist ihre Sprache leicht verständlich und erzeugt beim Leser einen guten Lesefluss. Auch wenn man selbst nie in solch einer Situation war, konnte man sich doch die Szenerie und die Gefühle, die dabei entstanden sind, sehr gut vorstellen und ich habe richtig mit Nancy mitgefühlt. Das Buch ist sehr einfühlsam geschrieben, klingt jedoch an keiner Stelle verbittert, so dass es so klingt, als würde Nancy das Schicksal hinnehmen (womit sie sehr lange zu kämpfen hatte), anstatt es in Schreiben zu ertränken. Von den Kapiteln haben mir die Tagebucheinträge ihrer Mutter am besten gefallen. Nancy hat in ihren selbstgeschriebenen Kapiteln nur episodenartig von dem Krankheitsverlauf ihres Bruders erzählt und sich ein wenig mehr darauf konzentriert, Martin ihren Lesern vorzustellen. Durch die Tagebucheinträge hatte der Leser einen besseren Überblick über Martins Krankheit und bekam nun im ganzen Ausmaß zu spüren, was die Familie alles durchgemacht haben muss.

Alle Charaktere, die Nancy in diesem Buch vorgestellt hat, wirkten lebendig und echt, nicht nur, weil sie aus dem echten Leben gegriffen waren, sondern auch, weil sie sie selbst zum Reden gebracht hat. Dadurch konnte man alle sehr gut kennenlernen - Martin durch die Dialoge und ihre Mutter durch die Tagebucheinträge. Man kennt alle so gut, dass man wirklich mit ihnen mitleidet; Martins Leidensweg hat mich sehr mitgenommen und ich hatte oftmals eine richtige Gänsehaut bei all den Beschreibungen. Man lernt aber nicht nur Martin, den eigentlichen Protagonisten sehr gut kennen, sondern auch die heutige Nancy. Immer wieder erzählt sie aus ihrem aktuellen Leben und verbindet es dann meist mit dem Einfluss, den ihr Bruder immer noch auf sie hat. Dennoch scheint sie keinen Gram über das Geschehene zu empfinden, sondern schaut eher mit einer großen Melancholie auf die Ereignisse herab, was durch ihre Sprache deutlich wird.

Das Ende fand ich sehr berührend, da Nancy sich nochmals in einem sehr persönlichen Brief an ihren Zwillingsbruder wendet.  Sie beschreibt nicht den langen Sterbeweg, den Martin gehen muss, sondern möchte, dass er ihr und den Lesern so in Erinnerung bleibt, wie er im Buch dargestellt wird: als jemand, der trotz einer tödlichen Krankheit immer noch Witze machen und Essen in sich hineinstopfen kann. Somit wird Nancys Brief eines der persönlichsten Dinge, die ich je gelesen habe, obwohl "Meine Hälfte von dir" ja schon sehr persönlich ist.

Fazit:
Was Nancy hier mit dem Leser teilt, sind ihre privatetesten und persönlichsten Gefühle und ich bin sehr froh, dass sie das geschrieben hat. Unglaublich berührend schildert sie Martins Krankheit, so dass man als Leser selbst an einigen Stellen schlucken muss und "erweckt" ihn mithilfe von ausgedachten Dialogen in den Köpfen des Lesers und in ihrem eigenen. Am Ende hatte ich eine richtige Gänsehaut und auch das Gefühl, einen sehr sehr guten Freund verloren zu haben, als ich das Buch zuklappte. Für Meine Hälfte von dir vergebe ich 5 von 5 Sternen und eine riesige Umarmung an Nancy, für ihren Mut, diese Geschichte mit uns zu teilen.

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Allgemeine Infos zum Buch
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 22.04.2015
Aktuelle Ausgabe : 22.04.2015
Verlag : neobooks Self-Publishing
ISBN: 9783738024319
E-Buch Text: 153 Seiten